
Seit 21 Jahren (1990) lebe ich in Vorpommern, irgendwo
im letzten Indianerland Deutschlands. Einerseits widrige, andererseits glückliche Umstände haben mich hierher gebracht.
Vor 21 Jahren hat sich vieles in meinem Leben verändert. Über meine
Freunde und Gefährten, über unsere Zeit vor und seit dem ereignisreichen
Jahr 1989 notierte ich manches. Einiges davon ist so unglaublich,
daß es auch Außenstehende erfreuen sollte. Wohl auch deshalb
bin ich rückfällig und wieder einmal traditionell deutsch geworden.
Ich schreibe über ein Thema, das trotz aller Veröffentlichungen der Allgemeinheit unbekannt ist: Ich schreibe über
deutsche Indianer.
Auf irgend einem anerkannten Gebiet ein Großer zu sein, davon träumen wohl viele. Doch die Bereiche, die einem dabei zuerst einfallen, sind meistens schon überfüllt oder man fühlt, daß man es selbst nicht ganz nach vorn schaffen würde. Ob Sänger, Schauspieler, Politiker, Konzernmanager, Millionenerbe, berühmter Moderator... Uns fallen zu jeder Kategorie unzählige Namen ein.
Das war auch vor 35 Jahren, als ich ein heranwachsender Jugendlicher war, nicht anders. Ich meinte damals: 'Du machst etwas ganz ausgefallenes. Du wirst ein Indianer und stehst damit außen vor. Du gehst deinen eigenen Weg.'
Daß ich mit meinen Gedanken nicht allein war, stellte sich bereits wenig später heraus. Ich traf viele, die große Indianer sein wollten oder sich darauf vorbereiteten.
Um hinter das "Geheimnis" zu kommen, also auf das, was Indianisten lenkt und sein läßt, beschäftigte ich mich viele Gedanken lang. Dabei sind unzählige Geschichten, Märchen und Fabeln entstanden. Zur Unterhaltung und Freude wurde Kurioses zur Wirklichkeit. Mehrmals stellten wir fest, daß ein Schwimmen gegen den Strom ein ausgefallenes Vergnügen bereiten kann.
Schließlich fand ich bei meinen Studien auch den Verursacher dieser Gedanken:
Old Man Coyote, den großartigen Trickster nordamerikanischer Indianerkulturen.
Hier nur soviel:
Coyote kam nach Deutschland und reproduzierte sich. Das Ergebnis sind Menschen mit dem Faible für Indianer.
Ja, ich verstehe Ihr Kopfschütteln. So ein Hobby stößt oft auf Unverständnis, zumeist in Form von hintergründig lächelnden Zeitgenossen. Bereits mehrere fragten spottend: "Mit Indianern die Welt verändern, wie soll das gehen?"
Meine Antwort: "Ich weiß es nicht. - Wichtig ist letztlich: Ich war Außenseiter und trotzdem immer dabei, bekam ungewöhnliche Einsichten."
Erst vor Jahren begegnete ich der Realität: Eines Tages wachte ich auf und war 20 Jahre älter. Alles sprach von der Wende. Ich bemühte mich zu begreifen, was rings um mich geschehen war und geschah. Mit der Zeit wurde klar: Ich war abgetaucht gewesen.
Die meisten meiner Gefährten sind nach der sogenannten Wende "andere Menschen" geworden. Sie stecken seither ihre ganze Energie in den täglichen Überlebenskampf, arbeiten zum Teil 14 Stunden am Tag, um ihren Familien "etwas bieten" zu können. Da bleibt ihnen nur wenig Zeit für ein Hobby.
Die frühere staatlich-politische Kontrolle ist durch finanzielle Abhängigkeiten ersetzt worden. Doch das sind nicht die einzigen Umstände. Die Jahre des Fortschritts haben viele der Ideen weggewischt - die Vielzahl der wissenschaftlichen Erkenntnisse in den letzten Jahrzehnten haben etliche Motive der Anfangsjahre weggefegt. Manche wirken aus heutiger Sicht wie Gedanken aus dem Land Utopia. Und schließlich ist man ja älter geworden und versucht langsam, entsprechend der zivilisierten Ansichten, "erwachsen" zu werden.
Am Ende bleibt ein gewisser Stolz, denn das Leben eines fleißigen, akkuraten, übereifrigen, verrechtlichten Deutschen ist, aus einer zweiten Position heraus betrachtet, ganz schön karikierenswert. Nicht umsonst haben unsere Parodisten damit große Erfolge.
Augenscheinlich ganz anders ist dagegen das Leben in einem Indianerverein. Das glaubt man. Doch ist es nicht so, denn die Probleme in der Gesellschaft sind auch die einer kleinen Indianergemeinschaft.
Indianisten haben viel mit ihrem Umfeld gemeinsam, aus dem sie stammen.
Fazit nach all den Einblicken: 'Ich bin gern ein Deutscher, weil nur Deutsche "richtige Indianer" sein können.'
Ebenso vertrete ich die Ansicht: "Wenn alle Deutschen Indianer wären, wäre ich mit Vergnügen ein Deutscher."